Was bedeutet Entzerrung EQ CCIR oder NAB?
Unter Entzerrung versteht man in der Signalübertragung eine gezielte "Verbiegung des Frequenzgangs". Ähnlich wie bei Klangreglern eines Verstärkers werden bestimmte Frequenzbereiche angehoben oder abgesenkt. Der entscheidende Unterschied zur Verzerrung: Bei der Entzerrung handelt es sich um einen reversiblen, technisch kontrollierten Prozess.
Bei der Bandaufzeichnung ist Entzerrung besonders wichtig, da die physikalischen Eigenschaften der magnetischen Aufzeichnung bestimmte Frequenzen benachteiligen. Um diese Nachteile auszugleichen und ein optimales Signal-Rausch-Verhältnis zu erreichen, wird das Audiosignal bei der Aufnahme in seinem Frequenzgang modifiziert und bei der Wiedergabe entsprechend gegenläufig korrigiert.
Einfach ausgedrückt korrigiert die Entzerrung die systembedingten Verluste, die bei einer Aufzeichnung hoher Töne auftreten. Damit sich aber bezüglich des Frequenzgangs und dem Rauschabstand brauchbare Werte ergeben, wird das Spektrum amplitudenmäßig verzerrt und bei der Wiedergabe wieder entzerrt.
Dieser Prozess ähnelt dem bekannteren RIAA-Entzerrungsverfahren bei Schallplatten, wo ebenfalls Frequenzgangkorrekturen nötig sind, um ein ausgewogenes Klangbild zu erzeugen.
Die Grundlagen der Bandentzerrung verstehen
Beim Aufnehmen auf Magnetband wird das Signal nicht 1:1 gespeichert, sondern entzerrt – also frequenzabhängig verändert. Dies geschieht aus technischer Notwendigkeit, um das inhärente Rauschen des Bandmaterials zu reduzieren und die Dynamik zu optimieren. Beim Abspielen wird das Signal dann exakt entgegengesetzt entzerrt, ähnlich einem komplementären Equalizer. Nur durch dieses Zusammenspiel von Aufnahme- und Wiedergabeentzerrung erhalten Sie die originalgetreue Klangwiedergabe.
NAB und CCIR:
Zwei unterschiedliche Entzerrungsstandards
Diese beiden Standards sind technisch gleichwertig, jedoch nicht miteinander kompatibel. Wenn Sie ein Band mit CCIR-Entzerrung aufnehmen und mit NAB-Einstellung abspielen (oder umgekehrt), wird das Klangergebnis deutlich verfälscht. Dies erklärt, warum manche Bänder bei falscher Einstellung dumpf oder übermäßig schrill klingen können.
Die richtige Entzerrungseinstellung für Ihre Anforderungen
Die Wahl zwischen NAB und CCIR hängt primär davon ab, welches Band Sie abspielen oder aufnehmen möchten. Folgende Richtlinien helfen Ihnen bei der Entscheidung:
Beim Abspielen bestehender Aufnahmen
  • Wurde das Band in Europa auf einem Studiogerät aufgenommen? → CCIR
  • Stammt es aus den USA oder von einem HiFi-Gerät? → NAB
  • Bei Unsicherheit: Probieren Sie beide Einstellungen und vertrauen Sie Ihrem Gehör
Bei neuen Aufnahmen
  • In Europa und für Privatnutzer: CCIR ist der Standard bei Revox-Geräten
  • Nur wenn Sie mit amerikanischem Studio-Equipment arbeiten, wäre NAB die logische Wahl
  • Bedenken Sie, auf welchen Geräten Ihre Aufnahmen später abgespielt werden sollen
Klangliche Erkennungsmerkmale bei falscher Entzerrung
Wenn Sie die falsche Einstellung gewählt haben, werden Sie folgende Klangeigenschaften bemerken:
  • Dumpfer Klang bei NAB-Wiedergabe einer CCIR-Aufnahme → wechseln Sie zu CCIR
  • Zischeliger oder schriller Klang bei CCIR-Wiedergabe einer NAB-Aufnahme → wechseln Sie zu NAB
Die Frequenzbalance ist der entscheidende Hinweis auf die korrekte Entzerrungseinstellung. Bei korrekter Einstellung sollte der Klang ausgewogen und natürlich wirken.
Auswirkungen falscher Entzerrungseinstellungen
Die Wahl der falschen Entzerrung führt zu hörbaren Klangveränderungen, die das Hörerlebnis beeinträchtigen können. Dabei handelt es sich nicht um eine vollständige Klangzerstörung, sondern vielmehr um eine Verfälschung des originalen Klangbilds.
Hauptauswirkungen im Detail:
Höhenverzerrung
Bei falscher Entzerrung weicht die Höhenwiedergabe deutlich vom Original ab. Das Band klingt entweder zu dumpf (unterentzerrt) oder zu spitz/schrill (überentzerrt), je nachdem, welche Entzerrungskombination versehentlich gewählt wurde.
Verändertes Klangbild
Die gesamte Frequenzbalance verschiebt sich, wodurch Instrumente und Stimmen anders wahrgenommen werden als ursprünglich beabsichtigt. Insbesondere Aufnahmen mit feinen Details können so ihren Charakter verlieren.
Langfristige Folgen
Wenn Sie mit falscher Entzerrung aufnehmen, werden Ihre Bänder auf allen Geräten mit korrekter Einstellung falsch klingen. Umgekehrt können Sie diesen Fehler bei der Wiedergabe nur dann kompensieren, wenn Sie die gleiche falsche Einstellung verwenden – was in professionellen Umgebungen selten der Fall ist.
Fazit und praktische Empfehlungen
Entscheidungshilfe für Ihre Bandprojekte
Eigene Aufnahmen erstellen
Für neue Aufnahmen in Europa wählen Sie CCIR für Aufnahme und Wiedergabe. Dies entspricht dem europäischen Standard und gewährleistet die beste Kompatibilität mit anderen europäischen Studiogeräten.
Alte Bänder abspielen
Bei gebrauchten oder historischen Aufnahmen sollten Sie beide Entzerrungseinstellungen testen. Achten Sie auf die Klangbalance und natürliche Höhenwiedergabe, um die richtige Einstellung zu identifizieren.
Archivierungsprojekte
Dokumentieren Sie bei Archivierungsarbeiten stets, welche Entzerrung Sie verwenden. Dies ist besonders wichtig für die langfristige Erhaltung der Klangqualität bei späteren Digitalisierungen oder Überspielungen.
Keine Angst vor Experimenten
Die gute Nachricht: Sie können durch das Umschalten der Entzerrung nichts an Ihrem Gerät oder den Bändern beschädigen. Es geht lediglich um die Klangqualität und Authentizität der Wiedergabe. Experimentieren Sie daher ruhig mit beiden Einstellungen, wenn Sie unsicher sind.

Profitipp: Erstellen Sie ein kurzes "Referenzband" mit bekanntem Entzerrungsstandard. Dieses können Sie zum schnellen Vergleich und zur Kalibrierung Ihres Gehörs verwenden, wenn Sie an unbekannten Bändern arbeiten.
Zusammenfassung der wichtigsten Punkte
  • CCIR ist der europäische Standard, NAB der amerikanische
  • Beide Standards sind technisch gleichwertig, aber nicht kompatibel
  • Falsche Entzerrung führt zu dumpfem oder schrillem Klang
  • Bei der Revox B77 MKIII lassen sich Aufnahme- und Wiedergabeentzerrung separat einstellen
  • Für neue Aufnahmen in Europa ist CCIR die empfohlene Einstellung
Mit diesem Wissen können Sie nun die volle Klangqualität Ihrer Bandaufnahmen genießen und sicherstellen, dass Ihre eigenen Produktionen den höchsten technischen Standards entsprechen. Die richtige Entzerrungseinstellung ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu audiophilem Bandgenuss.